Der Besuch

Am Ende unserer Sackgasse führt eine enge Treppe samt gefliester schmaler Fahrradspur daneben hinauf zur Hauptstraße in unserem Ortsteil. Während dieser eher schmale Aufstieg auf der einen Seite von einem Zaun begrenzt ist, ist er auf der anderen Seite häufig von Brombeeren überrankt. Ausweichen ist also schwer möglich, zumal mein Collie gewöhnlich die gesamte Treppenbreite für sich beansprucht, während ich mich auf der schmalen Fahrradspur nach oben bewege.

Grundsätzlich achte ich auf alles, was kreucht und fleucht, um es nicht mit meinen Schritten zu behelligen oder gar zu verletzten. Aber diesmal passierte es trotzdem: Wie aus dem Nichts heraus geriet etwas Kleines, Graubraunes zwischen meine Schritte und unter meinen Schuh; beim Auftreten spürte ich, dass sich zwischen der Sohle meines Sneakers und der Fliese etwas Weiches befunden hatte. „O, nein!“ war mein erster Gedanke.

Die junge Erdkröte duckte sich auf die Fliese, während ich mich betroffen nach ihr bückte und sie vorsichtig aufhob. Regungslos hockte das Krötlein mit seinen ca. dreieinhalb Zentimetern Größe nun in meiner Handfläche, während ich auf Lebenszeichen in Form von Bewegung hoffte. Frösche und Kröten finde ich ihrer schönen Augen und weichen Haut wegen ganz besonders liebenswert.

Ich hauchte das Krötlein an, sprach zu ihm, beteuerte immer wieder, dass es mir leid tue, dass es keine Absicht meinerseits, sondern ein Unfall gewesen war. Obwohl ich von der Absicht her natürlich nichts für sein Unglück konnte, bat ich es um Verzeihung. Äußerlich waren keine Beeinträchtigungen an dem Tier zu erkennen. Inständig hoffte ich, es möge keine inneren Verletzungen davongetragen haben, sondern bestenfalls nur einen vorübergehenden Schock.

Noch immer hockte die junge Erdkröte regungslos in meiner Handfläche, atmete aber normal und ruhig. Einmal nur schloss sie als einzige Regung kurz ihre schönen gelben Augen, um sie gleich darauf wieder zu öffnen. Erneut hauchte ich das Krötlein an, sprach ruhig zu ihm und hoffte, dass es bei seinem Unglück wenigstens wissen möge, dass ich niemals ein Tier absichtlich verletzen würde. Schließlich segnete ich das erdkrumenfarbene Leichtgewicht in meiner Hand, setzte es vorsichtig an einem für Kröten sicheren Platz im Grase  neben dem Zaun ab, den ich mir einzuprägen versuchte, um mich bestenfalls zeitnah zu vergewissern, dass der Platz leer und das Tier gesund seiner Wege gegangen war.

Während des gesamten weiteren Spazierganges mit meinem Collie, ja, den ganzen Tag über ging mir die junge Erdkröte nicht aus dem Kopf. Noch immer kreisten meine Gedanken um unsere unglückliche Begegnung, wobei ich inständig hoffte, es möge für das Tier alles gut ausgegangen sein. Gedanken sind Kräfte, also hüllte ich das Krötlein immer wieder in so viel Licht wie nur möglich ein. Wie gern hätte ich gewusst, wie es ihm inzwischen ergangen war und mich vergewissert, dass es unverletzt sei! Da ich aber sicher war, dass ich den Platz des Absetzens im Grase nicht wiederfinden würde, unternahm ich keinen diesbezüglichen Versuch.

Als es am selben Abend zu dämmern begann, fiel mein Blick vom Sofa aus zufällig auf die geöffnete Terrassentür. Zu meiner größten Überraschung bemühte sich dort gerade eine Kröte, die für sie nicht niedrige Türschwelle zu überklettern, um ins Haus zu gelangen. Dieser Krötenbesuch war deutlich größer als das Krötlein, das heute Mittag Opfer meines Ausschreitens geworden war, aber augenscheinlich gehörte er zur selben Gattung. Während sich mein Besucher noch anstrengte, die Metallschiene zu überwinden, bewegte er fortwährend seine Kiefer, so als kaue oder spreche er.

Mag sein, dass diese Kröte äußerlich betrachtet wirklich nur gerade ein gefangenes Insekt verzehrte, aber ich war mir sicher, dass sie gekommen war, um mir eine Botschaft von ihrer kleineren Schwester zu überbringen. Vielleicht gehören die beiden Tiere zur selben Gruppenseele und sind eng miteinander vernetzt.

Die mir überbrachte Botschaft habe ich vom Wortlaut her meiner groben Sinne wegen nicht verstanden, leider, aber von der Resonanz in meinem Innern her wusste ich, dass für das junge Krötlein alles gut ausgegangen war, und genau das wollte es mich auf diese Weise wissen lassen!

Ich dankte meinem unverhofften abendlichen Besucher von Herzen, hob ihn vorsichtig auf und setzte ihn zurück ins Freie, während ich ihn segnete. Daraufhin zündete ich, wie ich es ohnehin vorgehabt hatte, ein Teelicht an für mein Krötlein von heute mittag,  den Überbringer seiner Botschaft heute abend und seine gesamte Gattung.

 

 

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