3. Entwicklungshilfe

 

     Kiwi drehte den großen flachen Kiesel in ihren Händen hin und her und hielt ihn schließlich an ihre Wange. „Er hat lange in der Sonne gelegen und ist ganz heiß“, stellte sie fest. „Man könnte denken, er sei in Wirklichkeit gar nicht kalt und tot.“

     „Was bedeutet für dich tot?“, fragte Pluster.

     Kiwi überlegte. „Ohne Leben……?“, fragte sie schließlich.

     „Richtig!“, bestätigte Pluster. „Aber Steine sind nicht ohne Leben. Das Leben, das sie beseelt, ist nur noch nicht besonders weit entwickelt, es träumt sozusagen noch vor sich hin. Aber wenn davon auch kaum etwas wahrzunehmen ist, es entwickelt sich dennoch immer  weiter. Irgendwann kommt der Tag, wo das Leben, das den Stein beseelt, im Stein ausgelernt hat, und dann zieht es um und beseelt eine Pflanze und setzt dort seine Entwicklung fort. Hat das Leben in der Pflanze ausgelernt, wird es ins Tierreich versetzt. Bei Steinen, Pflanzen und Tieren spricht man von Gruppenseelen. Das bedeutet, dass immer mehrere von ihnen aus einer gemeinsamen Seele hervorgegangen sind. Und eines Tages, wenn ein Tier sein Denkvermögen genügend entwickelt hat, geschieht ein Wunder:  Es löst sich von seiner Gruppenseele und wird zu einem Individuum und damit ein Mensch."

     „Aber ein Stein hat doch gar keine Möglichkeiten zum Lernen, er kann sich ja nicht einmal bewegen! Wie macht er das?“

     „Wie alle anderen Lebensformen auch, lernt er durch Erfahrungen. Zum Beispiel wird er durch Temperaturunterschiede angeregt oder durch  Witterungsverhältnisse oder auch mechanische Einflüsse, es gibt diesbezüglich unendlich viele Möglichkeiten.“

     Kiwi drückte einen Kuss auf die glatte Oberfläche des Kiesels und warf ihn entschlossen in den sprudelnden kleinen Bach am Ende des Grundstücks.

     „Wie hoch das Wasser aufgespritzt ist!“, freute sich Pluster.   „Und warum hast du das jetzt gemacht?“

     „Entwicklungshilfe!“, sagte Kiwi.

 

 

 

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