11. Freigeist

 

     Kiwi lag im hohen Grase, hatte ihre Hände unter dem Kopf verschränkt und blickte in den Himmel.

      „Du kommst doch viel herum, Pluster. Hast du schon einmal Gott gesehen?“ fragte sie die Wolke über sich. „Ich meine einfach so und nicht nur dann, wenn du gerade über einer Kirche schwebst?“

     Pluster wurde ganz ernst. „Um Gott zu sehen, benötigst du keine Kirche, Kiwi, ganz im Gegenteil.  Sie kann dir sogar den Blick verstellen, wenn du auf ihre Dogmen hereinfällst.“

      „Was sind Dogmen?“, fragte Kiwi.

      „Dogmen“, erklärte Pluster, „sind Käfigstäbe, die Menschen aus Theorien gebaut haben, die nicht mit den Naturgesetzen übereinstimmen. In solche Käfige sperren sie gern sich selbst und andere Menschen ein, die nicht wagen, selbst zu denken oder dazu noch nicht fähig sind. Oft geht es dabei um Macht.“

     „Ich denke aber selbst!“, bekräftigte Kiwi.

     „Eben! Und alles Lebendige hat eine natürliche Verbindung zur Quelle allen Seins, zum Urgrund, Gott genannt, und benötigt für eine Beziehung zu ihm keine spezielle Religion. Jede Religion ist eine Art Krücke. Hast du selbst Laufen gelernt, wirfst du die Gehhilfe weg und wirst zu einem Freigeist. Aber du fragtest, ob ich Gott schon einmal gesehen habe.“

     Kiwi nickte.

     „Gott sehe und erlebe ich täglich, rund um die Uhr, genau wie du. Das lässt sich doch überhaupt nicht vermeiden. In uns und um uns herum - wo wäre Gott nicht? Wir sind in ihm und er ist in uns.“

    „Alles ist Gott!“, bestätigte Kiwi. „Und ich bin ein Freigeist!“

 

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