16. Reise

 

     Kiwi saß auf der alten Mauer hinten im Garten und ließ gedankenverloren die Beine baumeln.

     „Hast du eben den großen Frosch gesehen, der in den Bach sprang?“, versuchte Pluster sie aufzuheitern.

    „Bald komme ich zur Schule...“, sagte Kiwi.

    „Ein neuer Lebensabschnitt! Wie schön für dich! Viele neue Freunde wirst du gewinnen, so dass du mich gar nicht vermissen wirst.“

    Verwundert blickte Kiwi auf.

    „Ja, Kiwi, ich bin gekommen, um es dir zu verraten: Ich werde eine Reise unternehmen.“

    Kiwi war fassungslos.

    „Der Sommer wird bald vorüber sein“, erklärte die Wolke, „und dann haben wir Wolken besonders viele Aufgaben. Außerdem ist die Welt so groß und schön, dass ich mir einiges davon anschauen möchte. Aus höherer Warte sozusagen“, versuchte sie Kiwi aufzuheitern.

    „Kann ich mitkommen?“, fragte Kiwi.

    „Wie sollte das möglich sein, liebe kleine Freundin? Für dich ist jetzt wichtig, dass du deine Schullaufbahn beginnst.“

    „Aber ich möchte auch verreisen...“, schnupfte Kiwi.

    „Du befindest dich doch aber längst auf einer Reise oder besser gesagt auf einer Etappe davon, so wie alle Menschen und alles Lebendige unter der Sonne. Deine Reise hat vor Äonen von Jahren begonnen und wird noch lange dauern. Zwischendurch machst du Pausen, ihr nennt das Tod, und dann kommst du wieder auf die Erde und setzt deinen Weg fort. Dabei machst du immer neue Erfahrungen, und aus deinen Erfahrungen formt sich dein Charakter. Dein Charakter und das unsterbliche Wesen, das du bist, werden dabei immer lichter und strahlender, so wie es der Architekt unseres Universums für alles Lebendige vorgesehen hat. Ist das nicht eine wunderschöne Vorstellung?“

     Kiwi schnupfte erneut. „Ja… schon… aber….“

     „Um einander nah zu sein, muss man sich doch nicht am selben Ort aufhalten“,  tröstete  Pluster.   „Ich  habe es   dir doch erklärt,  Gedanken

sind reale Kräfte und auch ungeschriebene Briefe kommen an. Von mir wirst du viele Briefe erhalten, Kiwi.“     

„Du wirst mich ganz bestimmt niemals vergessen?“

     „Niemals, Kiwi! Das verspreche ich dir. Und du hast doch auch gerade einen ganz wunderbaren neuen Freund gefunden, der dich dringend braucht.“

      Vorsichtig hob Kiwi das wenige Wochen alte Katerchen auf, das gerade im Grase nach einer großen blauen Libelle gehascht hatte. Liebevoll drückte sie das winzige zarte Fellbündel an sich. Trotz des Abschiedsschmerzes lächelte sie.

    „Mats und ich dürfen ihn behalten, haben Mama und Papa gesagt. Er ist uns einfach zugelaufen, plötzlich war er da. Und weil er schwarz und weiß ist wie ein Feuerstein, haben wir ihm den Namen Flint gegeben.“

    „Ein absolut passender Name“, lobte Pluster. „Tiere sind etwas ganz Wunderbares und ihre Freundschaft ist etwas außerordentlich Wertvolles. Pass gut auf ihn auf!“

    Kiwi nickte.

    „Siehst du dort drüben all die Wolken? Sie warten auf mich. Leb wohl, kleine Kiwi und sei behütet auf allen deinen Wegen!“ Langsam setzte sich Pluster in Bewegung.

    „Gute Reise, Pluster.“ Kiwi hob die Hand und winkte. Mehrmals holte sie ganz tief Atem. Schließlich setzte sie Flint vorsichtig im Grase ab und rannte hinunter bis an den kleinen Bach.

     „Pluuuuuuuuster!“, rief sie so laut sie konnte.

    Die Wolke hielt einen Moment inne.

    „Bist du es gewesen, die uns Flint geschickt hat? Und kommst du irgendwann wieder?“

    „Das weiß der Wind!“, antwortete Pluster und schwebte langsam davon.

 

Nach oben