9. Schicksal

Kiwi streifte Sandalen und Socken ab, stieg in den munteren flachen Bach am Ende des Grundstücks  und watete die wenigen Schritte hinüber zu dem großen Stein, der inmitten des Bachbetts  lag und einer ihrer Lieblingsplätze war. Fasziniert studierte sie die Strömungslinien des Wasser beim Umfließen einiger größerer Kiesel. Schließlich blickte sie suchend zum Himmel auf. „Da bist du ja, Pluster!“, freute sie sich.       „Ich habe etwas entdeckt."

     „Und das wäre?“

     „Dieser Bach hier sieht jeden Tag gleich aus, aber in Wirklichkeit ist es niemals dasselbe Wasser.“

     „Genau so ist es“, bestätigte Pluster. Nahe seiner Quelle war der Bach nur ein winziges Rinnsal. Je näher er dem Meer kommt, desto größer und stärker wird er. Und das Wasser, das heute hier bei uns vorbeifließt, wird morgen schon ganz woanders sein; es sieht immer noch wie normales Wasser aus, aber es hat Erfahrungen gemacht, die es prägen.  Und noch etwas hat der Bach mit euch Menschen gemeinsam: Sein Bett hat er sich selbst gegraben und damit alle seine Bedingungen und sein Umfeld selbst geschaffen.  Verstehst du?“

     „Klar!“, betonte Kiwi. „Schicksal nennt man das.“

 

 

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